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Hans-Jochen TschicheDie Freie Waldorfschule in Magdeburg wird 20 Jahre alt. Das ist ein Grund zum Feiern. Ich werde dabei sein und gratuliere herzlich. Im Gründungsjahr 1990 verabschiedete sich die DDR aus der Geschichte. Davor hatten wir kurze Zeit das Gefühl, Herr im eigenen Haus zu sein. Zu DDR-Zeiten waren die Schulen Teil eines Systems, das sie der ideologischen Dauerbestrahlung aussetzte. Klaglose Anpassung wurde von der Schülerschaft verlangt. Autoritär waren die pädagogischen Methoden. Die Lehrenden sendeten und die Lernenden empfingen.

Oben wurde gelehrt und unten gelernt. Preußische Tugenden feierten fröhliche Urständ, obwohl Preußen eigentlich als Paradebeispiel eines reaktionären Staatswesens galt. Fleiß, Ordnung, Sauberkeit und Disziplin standen hoch im Kurs. Die Kinder und Jugendlichen waren Objekte der Bildungs- und Erziehungsbemühungen. Die Eltern spielten in diesem Stück die Erfüllungsgehilfen der Drillgemeinschaft.

Richtig, es gab immer Ausnahmen - auch zu DDR-Zeiten, aber die Regel waren sie nicht. Mein Traum war dagegen eine Schule, in der die Schülerinnen und Schüler Partner der Lehrerschaft und der Eltern sind. Eine Schule, in der die Kreativität der Schüler gefördert, eine selbstbewusste Beteiligung und Einmischung im Unterricht möglich ist, sollte entstehen.

Eine Pädagogik der Zuwendung, der Behütung der Schwachen, der Entfaltung eigener Phantasie und die Ermutigung zum selbstbestimmten Handeln – das wäre eine Schule, in der man gut leben könnte. In der Waldorfschule verwirklichen sich viele meiner Hoffnungen. Deshalb war es kein Wunder, dass das Neue Forum, dessen Gründungsmitglied ich bin, an der Entstehung dieser Schule 1990 beteiligt war. Ich muss gestehen, dass ich an diese gute Tat meiner Freundinnen und Freunde keine Erinnerung mehr habe. Ich war in der Zeit in der Volkskammer und niemand hat mir etwas erzählt. Heute bin ich unglaublich froh, dass die Gründung gelang und bin stolz, das eine solche Schule meiner Träume mich zum Paten ihres Projektes "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" gemacht, mich zum Festredner am 17.09.2010 bestimmt und zum Fest ihres 20jährigen Bestehens eingeladen hat. Ich wünsche uns allen eine gelungene Veranstaltung.

Hans-Jochen Tschiche, Autor, Theologe